Das deutsche Kulturleben in Brünn

Das kulturelle Leben der beiden Volksstämme verlief unterschiedlich. Das der Deutschen war sehr ausgeprägt, sehr mannigfaltig. Das läßt sich nicht allein mit der Dominanz des deutschen Elementes bis 1918, sowohl in der Stadtverwaltung wie auch in der Bevölkerung der inneren Stadt, mit seiner Einstellung und kulturellen Bereitschaft erklären. Zwar errichteten die Brünner Deutschen für sich am Ende des Jahrhunderts (1882) ein ansehnliches Theater in der Basteigasse, aber auch die Tschechen hatten am Beginn der Eichhorngasse ihr Theater.

Die Deutschen bauten 1891 ein großes Kultur- und Gesellschaftszentrum, das ”Deutsche Haus” (1891). Es stand am heutigen Mährischen Platz. Aber die Tschechen hatten ihr ”Besední dům”, schon lange vor der Errichtung des ”Deutschen Hauses” erbaut und verfügten daher, ebenfalls im Zentrum Brünns, schon länger über einen kulturellen Mittelpunkt und ein Gesellschaftszentrum.

(Das "Deutsche Haus" brannte zum Ende des 2. Weltkrieges aus und mußte von Deutschen dem Erdboden gleich gemacht werden.)

Der Umsturz von 1918 versetzte dem deutschen Kulturleben in Brünn einen schweren Schlag. Die Verfügungsrechte über das deutsche Theater und viele Einflußmöglichkeiten gingen verloren. Unter anderem hatten die Ereignisse auch zur Folge, daß Friedrich Wanieck, der ungekrönte Herrscher und Mäzen des Deutschen Hauses, noch im selben Jahre von Brünn wegzog. "Er verließ sein Haus ... , wo er so oft Gastgeber für Künstler wie Anton Bruckner, Karl Wollek oder Karl Korschann war, gab seine Fabriken auf.....und zog nach Kärnten."

Vieles änderte sich nach 1918 in der 1.Republik, wo das tschechische Element in den bildenden Künsten, besonders in der Architektur, stürmisch und experimentierfreudig nach vorne drängte und mit diesem Schwung eine ganze Reihe tschechischer und deutscher, auch deutsch-jüdischer Gleichgesinnter beflügelte und mit sich zog.


Helena Knozová schreibt:

Das Kulturleben in der Stadt Brünn konzentrierte sich in den Jahren 1918 - 1938 auf die Gebiete der bildenden Kunst und der Architektur, Literatur und Theater. In all diesen Sphären wurde innerhalb von 20 Jahren ein bemerkenswertes Niveau erreicht, das sehr markant das Leben unseres ganzen Staates bereicherte.

 Es waren dabei, zumindest in der Anfangszeit der Republik, auch binationale Kontakte und Aktionen zu registrieren. Neben den offiziellen, von der Stadt, den Vereinen oder von privater Seite geförderten Aktivitäten gab es aber persönliche Beziehungen auf kultureller und wissenschaftlicher Basis, die zwar gepflegt, aber nicht gerne an die große Glocke gehängt wurden.Es ist anzunehmen, daß auch die kulturellen Beziehungen und Austauschmöglich-keiten von den nationalen Auseinandersetzungen überschattet waren.


Jitka Sedlářová schreibt:

"Der Versuch, die Brünner deutsche Kultur in der Zeit zwischen den Weltkriegen zu bewerten, ist immer noch sehr riskant. Es fehlen die Archive des Deutschen Hauses, des Künstlerhauses, des Mährischen Künstlerverbandes und der Vereinigung der deutschen gestaltenden Künstler in Mähren und Schlesien. Die Kunstgegenstände dieser Institutionen, gesammelt in den Galerien des Deutschen Hauses und des Künstlerhauses, wurden vernichtet, gingen aber auch im April und Mai des Jahres 1945 verloren. .... Das alles erschwert die Arbeit der vergleichenden Heimatgeschichte, aber macht sie schlußendlich nicht unmöglich."

Trotzdem berichtet sie, daß zumindest in den ersten Jahren der ČSR eine wechselseitige Befruchtung auf vielen künstlerischen Gebieten zu verzeichnen war. Zwar gab es im deutschen Kulturbürgertum, zu dem man gewiß auch die vorwiegend deutsch gesinnten Juden zählen muß, auch Kräfte, die in einer Demokratie ohne Adelsprivilegien Chancen für einen Neuanfang sahen, aber deren Publikationen blieben ohne Widerhall. Weder Deutsche noch Tschechen hörten hin.

So konnte auch jener Mann Zielscheibe antisemitischer Angriffe werden, der sich als Kuratoriumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst (DGWK) für die Erhaltung der deutschen Kultur in besonderer Weise einsetzte, Professor Dr.Hugo Iltis. Dabei hätten die programmatischen Worte, die er an die Gründungsversammlung der DGWK richtete, von allen Deutschen unterschrieben werden können: "Heute sind wir allein, abgetrennt vom großen deutschen Volk. Wir müssen uns vereinen, damit wir deutsche Kultur, Wissen und Können bewahren".

Eine der ersten Sitzungen der Gesellschaft (29.8.1919) befaßte sich "mit dem vandalischen Monumentsturz Josef II., zu dem es in der Nacht vor dem Feiertag des hl. Wenzel gekommen war."

Dieses Denkmal stand vor dem "Deutschen Haus" und seine Zerstörung gab nur einen schwachen Vorgeschmack auf das, was spätere Jahrzehnte an Zerstörungswut bereit hielten.

Zu den Aufgaben der DGWK gehörte u.a. der Erhalt des Orchesters des früheren deutschen Theaters in der Basteigasse, da das Theater tschechischen Händen übergeben werden mußte.

Ein Kind der DGWK war auch die im Jahre 1921 gegründete Volkshochschule, deren Leitung Prof. Iltis übernahm. 1931 konnte er in ein eigenes Gebäude am Janáčekplatz einziehen, das nach einem Entwurf des Architekten Heinrich Blum mit Geldern aus der Arnold-Skutecky-Stiftung errichtet wurde. Skutecky war bis 1924 Präsident des künstlerischen Kuratoriums der DGWK und mitverantwortlich für das hohe kulturelle Niveau dieser Vereinigung. Er besaß eine wertvolle Sammlung alter Meister, die er der Mährischen Galerie vermachte. Viele Werke italienischer und niederländischer Meister aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die heute noch dort zu sehen sind, stammen aus seinem Besitz.

Ein bedeutender Zusammenschluß von Künstlern, Kunstliebhabern und Mäzenen war auch der "Mährische Kunstverband" (MK), der durch die Einflußnahme Christian d‘ Elverts, eines der Bürgermeister Brünns vor 1918, eine beachtliche Bedeutung gewonnen hatte. Aber auch diese Vereinigung stützte sich auf die reiche jüdische Oberschicht, die die Möglichkeit hatte, "Geld in Kunst umzuwandeln", womit sie Brünn zu einem "blühenden Kunstmarkt" und jede ihre Ausstellungen zu einem gesellschaftlichen Spitzenereignis machte.

Versuchen wir nun eine abschließende Wertung, dann können wir an den Anfang unserer Betrachtung zurückkehren: Das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen war von Höhen und Tiefen gekennzeichnet; die Tiefen aber verliefen immer - zumindest bis zum Einmarsch der deutschen Truppen 1939 - in gemäßigterer Form als in Böhmen oder im restlichen Staatsgebiet. Das mag an der prägenden Eigenart dieser Stadt liegen, in der über viele, viele Jahre das "Leben und leben lassen" von den Bürgern praktiziert wurde - bis ein übersteigerter Nationalismus dem ein Ende bereitete.

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